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Zu Besuch beim... Ackerbaubetrieb Senckenberg

Oktober 2018

Mut zur Nische

Unternehmerisch und experimentierfreudig, das ist Andreas Senckenberg durch und durch. Daher hat er seinen 200 ha großen Ackerbaubetrieb mit Pensionspferdehaltung bei Groß-Gerau im Hessischen Ried vor zweieinhalb Jahren auf Bio umgestellt - mit einer mutigen Spezialisierung auf eine absoulte Sonderkultur: 27 ha Biohaselnüsse. 

„Mit den Biohaselnüssen bediene ich eine Nische, die es so gar nicht gibt“, erklärt Betriebsleiter Andreas Senckenberg. „Dazu kommen neben Weizen, Gerste, Raps, Zuckerrüben, Mais und Sojabohnen noch Walnüsse, Buschbohnen, Spinat und Kräuter. Bei uns war die Umstellung auf Bio  durch die Investition in energie- und wassereinsparende Beregnungssysteme auch mit besonders  hohen Kosten verbunden. Meiner Meinung nach hätte ich aber als reiner Ackerbaubetrieb mit 200 ha  ohne irgendwelche Sonderkulturen keine Überlebenschancen.“ Die Böden sind aufgrund einer  wasserundurchlässigen Plattenkalkschicht wenig tiefgründig, was eine Beregnung der rund 100 ha  Hackfrüchte unerlässlich macht. Beim Pflanzen der Haselnüsse hat der Landwirt diese Schicht extra mit einem Erdbohrer aufgebrochen, damit die Bäume die wasserführende Schicht erschließen können.

WARUM BIO?
Warum überhaupt die Umstellung auf Bio? „Es war interessant, deshalb habe ich es ausprobiert. Ich  wollte wissen: Geht es? Kann ich es in den Griff kriegen? Alle Welt sagt immer, da hast du nur noch Unkraut auf dem Acker. Auf Bio umzustellen hatte aber auch einen ideologischen Aspekt: Kommen wir auch mit weniger oder anderen Spritzmitteln zurecht? Persönlich glaube ich aber, dass man das  zukünftig nicht mehr so krass ideologisch sehen muss.“ Max Ballatz, verantwortlich für die Bio-Vertriebssteuerung und Geschäftsentwicklung bei der RWZ, ergänzt: „Aber genau darauf bewegen wir uns ja hin, dass so ein gewisses Umdenken stattfindet. Viele Landwirte fragen sich: ‚Irgendwie kann es für mich so nicht weitergehen, was gibt es für Alternativen?‘ Wir bewegen uns darauf hin, dass eben auch konventionelle Betriebe, die viel Zuckerrüben, Qualitätsweizen und Ähnliches anbauen, umdenken, um integrierter zu arbeiten und nicht immer nur die x-te Unkrautbehandlung in Rüben machen zu müssen.“ Andreas Senckenberg: „Ja, und wenn ich von integrierter Arbeit einen Schritt  weitergehe, mache ich quasi Bio. Und in dem Moment, wo ich Bio gut mache, habe ich eventuell einen höheren Ertrag. Aber der Mehraufwand an Arbeit und das Betriebsmanagement werden leicht  unterschätzt. Hätte ich nicht vorab schon versuchsweise einen kleinen Teil meiner Flächen auf Bio umgestellt, hätte ich es mit Sicherheit unterschätzt. Wenn du reagierst im Biobereich, dann bist du  schon hintendran. Wenn nur 5 % von dem Unkraut, was ich da sehe, überlebt, wird das später ein Riesenzeug. Außerdem baue ich Samenpotenzial im Boden auf. Noch ein großes Problem, das mit Bio  einhergeht, sind Rückstände von Pflanzenschutzmitteln durch Abdrift oder Verfrachtung, vor allem in Regionen mit viel konventioneller Landwirtschaft. Ich stehe dann in der Nachweispflicht. Und dafür gibt es bisher keine politische Lösung!“

NICHT OHNE DÜNGEKONZEPT
Auch geht es nicht ohne Düngekonzept, ist der Biolandwirt überzeugt: „Bei mir ist eine ganz  entscheidende Sache die nur 1,5 km entfernte städtische Biogasanlage. Die wird bis auf unseren Pferdemist pflanzlich, ohne tierische Gülle gefahren. Und dann kommt da noch mein Luzernegras rein und ich kann im Nährstoffäquivalent zu dem, was von mir eingebracht wurde, auch Nährstoffe wieder  entnehmen. Damit habe ich eine Verwertungsmöglichkeit auf der einen Seite fürs Luzernegras, auf der anderen Seite bekomme ich hochwertigen Dünger. Sonst müsste ich die Luzerne häckseln und gleich aufs Feld fahren, einarbeiten und damit eine Gründüngung machen. Das hat aber eine geringere Wertigkeit. Zudem kaufe ich im biokonformen Rahmen Stickstoffdünger sowie Hühnertrockenkot zu.“

HOHE ANFORDERUNGEN AN AGRARTECHNIK
Routine nach der Umstellung ist bei Familie Senckenberg noch nicht eingekehrt, trotz inzwischen fünf Jahren Erfahrung. „Gefühlt sind wir immer noch irgendwo in der Umstellung drin“, sagt Ehefrau Nina  Senckenberg, die im Betrieb alles rund ums Büro managt. „Es ist ja auch ein Unterschied, ob man immer die gleichen Sachen einfach nur im Wechsel anbaut, oder eben wie Andreas immer wieder neue Sachen probiert. Dann funktionieren die Geräte vom konventionellen Anbau ja auch nicht mehr, schon alleine wegen der Spurbreite.“

Und Andreas Senckenberg ergänzt: „Ja, gerade bei den Hackfrüchten braucht man nicht nur einen Schlepper mit Pflegereifen, sondern gleich zwei und am besten sowieso alle mit
GPS, dass man sich um diese Geschichte nicht mehr so kümmern musst. Sonst ist der Fahrer dauerhaft  zu hoch beansprucht. GPS ist eine enorme Entlastung. Und wenn ich nicht selber auf dem Schlepper bin, will der Mitarbeiter ja vielleicht auch einen angenehmen Arbeitsplatz haben und nicht nur  hochkonzentriert nach acht Stunden absteigen und spätestens am dritten Tag völlig fertig sein. Mit der ganzen Technik steigen eben auch die Anforderungen: Kameraoptik, Steuerung, noch bessere  Betreuung beim GPS. Es besteht immer wieder Bedarf, geschult zu werden. Dazu war ich letztens mit Mitarbeitern bei einer superinteressanten Schulung von der Agrartechnik in Riedstadt-Wolfskehlen, das hat viel gebracht. Aber nicht nur die Anforderungen an die technische Seite sind hoch, bei Bio ist man  insgesamt mehr gefordert. Das sind schon unglaubliche Veränderungen. Die sind machbar, aber das ganze Team muss mitziehen.“

NACH UMSTELLUNG WEITERHIN RWZ-KUNDE
Die Veränderungen betreffen auch das Kundenverhältnis zur RWZ. Agrarfachberaterin Christel Schulz  vom RWZ-Agrarzentrum Riedstadt- Wolfskehlen kennt den Betrieb von Kindesbeinen an. „Der Betrieb ist seit Generationen bei der RWZ. Aber es ist dann eben nicht mehr so wie früher, wo zweimal pro  Woche an der Raiffeisen-Theke das Spritzmittel abgeholt wurde. Die Betreuung von einem Biobetrieb seitens der RWZ sieht anders aus. Die Vermarktung läuft anders. Und außer beim Saatgut werden  weniger und andere Betriebsmittel benötigt.“ – „Der Vorteil von einem Lagerhaus ist einfach die  Verfügbarkeit vor Ort“, ist Betriebsleiter Senckenberg überzeugt. „Wenn ich irgendwo vorbeischauen  kann und weiß, da bekomme ich meine Agrarprodukte, Blattdünger oder was auch immer. Das ist für mich interessant, weil ich damit gut zurechtkomme. Das ist der Vorteil, warum jemand nicht bei irgendwelchen Onlinehandelshäusern anruft und bestellt, nur weil es vielleicht einen Euro günstiger ist. Ich habe  jemanden vor Ort und die Beratung, die mir auch was wert ist.“

BIOVERMARKTUNG
Zum Thema Getreidevermarktung hat Andreas Senckenberg eine besondere Affinität. Er hat erst vor  Kurzem seine Tätigkeit als Broker beim Frankfurter Terminmarkt vom Haupt- zum Nebenberuf gemacht und kennt so auch die RWZ-Getreidevermarktung aus einem ganz anderen Blickwinkel, nämlich als  Getreidekäufer: „Der Biomarkt war lange Jahre ein abgeschlossener Markt, aber das ändert sich jetzt gerade“, weiß Vermarktungsexperte Senckenberg. Und Max Ballatz erklärt: „Wir wollen unseren  Kunden Vermarktungsmöglichkeiten bieten, weil seitens des Lebensmitteleinzelhandels der Bedarf  steigt, den die bisherigen Strukturen nur teilweise gedeckt bekommen. Und spätestens an der Stelle fühlen wir uns als Agrarhandelshaus auch verpflichtet, uns einzusetzen und zu sagen, wir können diese Strukturen, sowohl die Logistik, als auch die Vermarktungsstrukur, zur Verfügung stellen, die  Ware vom Landwirt gebündelt einkaufen und sie dann in einer aufbereiteten Qualität anbieten. In  kleineren Betrieben hapert es oft bei der Erfassung und Reinigung. Da gehen nicht mal eben schnell 100 t die Stunde übers große Sieb. Der Besatz kann wesentlich höher sein. Für kleinere Biobetriebe ist es notwendig, dass es ein Erfassungslager vor Ort gibt mit einer gewissen Aufbereitungsqualität. Wenn Biobetriebe erst mal 100 km mit dem Gespann fahren müssen, ist das kein Zustand.“ – „Das ist weder ein Zustand, noch in irgendeiner Weise wirtschaftlich“, wirft Andreas Senckenberg ein. „Dann
bist du in derselben Situation wie ein konventioneller Betrieb, nur dass du mehr arbeitest und dann am Ende trotzdem nur einen geringen Stundenlohn hast als Betriebsleiter.“ Um Biolandwirten lange  Anlieferungswege zu ersparen, bieten wir Streckenvermarktung von Bioernteprodukten per LKW (über
RWZ-Logistik) an. Zudem wird ab der kommenden Ernte in den Getreidesilos am RWZ-Agrarlager Friedberg Biogetreide und -leguminosen auch direkt angenommen.

NEUE IDEEN
An Herausforderungen und Abwechslung wird es im Senckenberg’schen Betrieb in nächster Zeit  jedenfalls nicht mangeln. Als nächste Idee packt der innovative Biolandwirt die Veredlung seiner  Biohaselnüsse an. Die will er in maximal 20 Produkten verpacken und dann konzentriert vermarkten,  beispielsweise über Weihnachtsmärkte. Zudem liebäugelt er mit Kürbissen und Legehennen, „die  würden gut in den Betrieb passen“.

Der Senckenberg-Nachwuchs begutachtet die Beregnung der jungen Haselnussbäume mit einem Düsenwagen.
Max Ballatz und Christel Schulz von der RWZ im Gespräch mit Landwirtsfamilie Nina und Andreas Senckenberg (v. l. n. r.).
Mitarbeiter Tibor Ivankovic bei der kameragesteuerten Hackarbeit in den Futtererbsen.

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Kontaktieren Sie uns!

Martina Tschörtner

Chefredakteurin RWZ-agrarReport

Telefon: 0221 / 16 38-3972
Mail: martina.tschoertner(at)rwz.de
 

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